Von Misserfolgen

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Ein Professor meiner Heimatuni sagte einmal: „Seien Sie sich gewahr, dass Ihnen im Leben einige narzisstische Kränkungen widerfahren werden! Es wird nicht wenige geben, die Ihnen klarzumachen suchen, dass Ihr Studium, Ihr Werdegang oder Ihr Können nun absolut nichts wert ist.“ Von den (zugegebenermaßen psychoanalytisch geprägten) Worten des Professors mag man nun halten, was man will. In mir klangen sie einige Zeit nach und ich habe sie bis heute nicht vergessen. Auch ich kann mir vorstellen, dass den Menschen wohl kaum etwas so sehr schmerzt wie die Wahrnehmung seiner eigenen Fehler. Schlimmer ist wohl nur der Moment, in dem man nicht mehr nur selbst seine Fehler wahrnimmt, sondern sie auch von anderen bemerkt werden. In diesem Fall kann man wohl getrost von Misserfolg sprechen.

Doch was tut der Menschen nicht alles, damit einem diese Misserfolge erspart bleiben? Eine einfache Strategie ist es, fortan alle Herausforderung zu umgehen, sich nur noch an Dinge zu wagen, die man hundertprozentig und im Schlaf kann. Spannend ist diese Tätigkeit dann bestimmt nicht, von Misserfolgen verschont ist sie jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit. Eine andere Möglichkeit ist, den Fehler einfach im Gegenüber zu suchen. Wärst du nicht, dann wär ich… Was im Kleinen beginnt und in Maßen noch vertretbar ist (die Sozialpsychologie nimmt an, man sei mit denen am besten befreundet, bei denen man das Gefühl habe, sie wären in einem bestimmten Bereich schlechter als man selbst), kann im schlimmsten Fall die hässlichsten Früchte hervorbringen. Ich bin unschlüssig, ob es zu weit geht, die Angst vor Misserfolg als (einen der) Auslöser von Rassismus zu sehen. Bisweilen denke ich, dass es ein guter Erklärungsansatz sein könnte.

Im Internet kursiert dazu eine recht passendes Zitat, das in etwas so lautet: „Wenn jemand aus dem Ausland, ohne Sprachkenntnisse, ohne adäquaten Abschluss und ohne Kontakte dir deinen Arbeitsplatz stiehlt, vielleicht bist du dann einfach schlecht?“ Vielleicht ist es das, was die zehntausenden Demonstranten antreibt, die im Moment durch deutsche Städte ziehen? Die Angst davor, dass dieser Fremde, den man mit solcher Penetranz abzuwehren sucht, einem die eigene Fehlbarkeit vor Augen führt? Weil er (oder sie) eben auch ein Mensch mit Vorzügen und Fähigkeiten ist? Weil er (/sie) die Zahl derer erhöht, die am Arbeitsmarkt vielleicht mehr zu bieten haben könnten? Weil man sich dann selbst fragen muss: Würde ich es wagen, mich für ein besseres Leben auf einen lebensgefährlichen Trip über das Meer zu begeben? Würde ich meine Bequemlichkeiten aufgeben und in einem fremden Kulturkreis minderwertige Tätigkeiten annehmen, um meine Familie ernähren zu können? Habe ich mir meinen Luxus selbst verdient oder hatte ich schlicht Glück, auf der angenehmeren Seite der Erde geboren zu werden?

Nun stellt sich die Frage, was dieses Thema in einem Bildungs- und Reiseblog zu suchen hat. Um das zu erklären, muss ich mich noch einmal der psychologischen Forschung bedienen. So ist es ein relativ gesichertes Ergebnis, dass Ängste am effektivsten durch Konfrontation getilgt werden. Wer also Angst vor Fehlern und Misserfolgen hat, der stelle sich Situationen, in denen ihm seine Fehlbarkeit intensiv vor Augen geführt wird. Nun heißt es nur noch: Aushalten und warten, bis der Schmerz nachlässt.

Ein Auslandssemester ist dazu wirklich hervorragend geeignet. Wirklich selten erlebt man so viele Misserfolge geballt und in Folge. Natürlich hat man auch einige Erfolgserlebnisse: Man hat es geschafft, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden. Man hat sich durch organisatorische und bürokratische Höllen gekämpft. Man ist trotz Heimweh nicht sofort wieder in den nächsten Flieger ins Heimatland gestiegen. Man hat sich auf ein Abenteuer eingelassen und wagt sich an die unterschiedlichsten Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen heran. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat man es geschafft, fern von der Heimat Freundschaften zu schließen und ist mehr als einmal meterweit über den eigenen Schatten gesprungen.

Dennoch bleiben diese Fallstricke, diese Hindernisse, diese Misserfolge. Die Landessprache beherrscht man möglicherweise mehr als dürftig. Der Kommilitone ist einem beleidigt, weil der ironisch gemeinte Kommentar als Beleidigung aufgefasst wurde. Das Taxi fährt einen 10 Kilometer in die falsche Richtung, weil man beim besten Willen diesen komplizierten Straßennamen nicht aussprechen kann. Am Wochenende zieht man sich lieber alleine in seinem Zimmer die komplette neue Serienstaffel rein, anstatt auf die Party zu gehen, auf der man wieder sprachlos neben den Einheimischen stehen wird. Trotz aller Anstrengungen wirkt man in der fremden Kultur doch irgendwie wie ein Fremdkörper. Wilde Parties, verrückte Roadtrips und lustige Selfies machen immer nur die anderen. Und die Zahl der neugewonnen Facebookfreunde stimmt nicht mit der gefühlten Einsamkeit überein.

In solchen Momenten spürt man es: Es klappt nichts so, wie man es sich vorgestellt hat! Die Misserfolge lassen sich nicht mehr leugnen. Man ist fremd, man ist einsam, man macht Fehler und derer nicht gerade wenige. Diese Phase ist unangenehm, sie ist schmerzhaft, man redet nicht gerne darüber. Und doch ist sie eine der wichtigsten Erfahrungen, die man machen kann! Nichts stärkt mehr, als seinen Fehlern begegnet zu sein und dennoch weitergemacht zu haben. Nichts lässt einen die Probleme anderer Menschen so gut nachvollziehen, wie selbst einmal der Fremde gewesen zu sein und Misserfolge erlebt zu haben.

Ich wünsche den rassistisch bewegten, angeblich das Vaterland verteidigenden und engstirnigen Demonstranten deshalb eines: Ganz, ganz viele Misserfolge! Möge nicht nur der Versuch scheitern, die Politik zu einer noch ausländerfeindlicheren Haltung zu bewegen, sondern möge ein jeder von ihnen die Möglichkeit zur Konfrontation mit der eigenen Fehlbarkeit haben. Denn nur so kann es gelingen, im Fremden nicht mehr die Bedrohung zu sehen, sondern die Fehler in einem selbst zu erkennen und akzeptieren zu lernen.

Der am Anfang erwähnte Professor wusste übrigens eine gute Lösung, um jeglicher narzisstischen Kränkung entgegenzuwirken. Die Lösung ist so simpel wie wirksam: „Einfach drüberstehen!“ 😉

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Sprechen und gesprochen werden

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„Sprichst du eigentlich Belgisch?“

Nicht selten begegnete mir in den letzten Monaten diese Frage. Sie mag häufig sein und dennoch ist sie schwer zu beantworten: Das Königreich ist nämlich dreisprachig und abgesehen von einigen Zweisprachlern und Sprachgenies spricht kaum ein Belgier alle drei Sprachen (fließend).

Der flämische Teil Belgiens spricht Niederländisch. Wer Deutsch und / oder Englisch kann, hat hier bereits Vorteile, denn das Niederländische ähnelt den beiden Sprachen stark. So kann ich als Deutsche die niederländische Schrift zum Großteil verstehen und bekomme beim Hören meistens zumindest grob den Sinn mit (z.B. bei Bahnansagen). Wer sich mit dem Niederländischen weniger anfreunden kann, findet im äußersten (an Deutschland angrenzenden) Osten Belgiens jedoch auch eine kleine Gemeinschaft von Deutschsprachigen. Dieses Deutsch klingt in meinen Ohren ähnlich wie das Deutsch, welches im Westen Deutschlands (sprich auf der anderen Seite der Grenze) gesprochen wird. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Angeblich gibt es jedoch kleine Unterschiede in den verwendeten Wörtern (z.B. steht Raclett dort angeblich für einen Putzbesen). Ob das stimmt, konnte ich leider nicht nachprüfen – die Vorstellung jedoch, dass ein Deutscher beim belgischen Nachbarn gebeten wird, mit dem Raclette die Diele zu fegen, gefällt mir.

Die dritte Sprachgemeinschaft Belgiens ist die Wallonie, wo Französisch gesprochen wird. Dort befinde ich mich momentan und hatte deshalb die Gelegenheit, etwas über die Unterschiede von belgischem und französischem Französisch zu lernen.

Die ersten Unterschiede, die mir begegnet sind, waren nummerischer Natur: In der Cafeteria verlangte die Bedienung von mir „trois Euro nonante-neuf“ (also 3,99 €). Wäre ich in Frankreich gewesen, hätte man „trois Euro quatre-vingt-dix-neuf“ verlangt (übersetzt also 3 Euro „vier-mal-zwanzig-zehn-neun“). Letzteres ist die ziemlich komplizierte, aber übliche Art, in Frankreich Zahlen größer der Sechzig zu bilden. Höchstens im Regionaljargon trifft man auf die weitaus einfachere Variante (70=septante, 80=octante, 90=nonante) der Zahlenbildung. In Belgien hingegen ist dies Standard und wird sogar an den Schulen so unterrichtet.

Über die Aussprache kann ich nicht besonders viel sagen, denn ich hatte bislang wenig Gelegenheit, mit Franzosen zu sprechen. Das einzige was ich über Liège gehört habe ist, dass man hier die „SCH-Laute“ verstärkt. Das heißt, aus Liège wird LièSCH. Wer sich verschiedene belgische-französische Aussprachen anhören will, der sei auf folgendes Video verwiesen: https://www.youtube.com/watch?v=ft-ib9dv7W4

Was ich vor Beginn meines Praktikums noch nie gehört hatte, waren bestimmte Grußworte. Am häufigsten begegnet man „A tout à l’heure“, was so viel bedeutet, wie „Bis gleich / bis bald“. Ähnliche Grüße sind „A tantôt“, „A bientôt“ und „A plus tard“. Hier in Liège wird das fast häufiger verwendet als „Au revoir“ oder „Salut“. („Salut“ sollte man übrigens nur zu Menschen sagen, die man besser kennt und beim Chef eher auf ein „Bonjour“ und „Au revoir“ setzen). Ähnlich verhält es sich mit „Bon aprèm“ (schönen Nachmittag), „Bonne soirée“ (schönen Abend) oder „Bonne fin de journée“ (schönen Feierabend). Diese Grußformeln findet man auch oft am Ende von E-mails, genauso wie das neutrale „Bien à vous / bien à toi“, das man jedem schreiben kann, bei dem man sich nicht so ganz sicher ist, welche Grußformel (höflich oder locker) angebracht ist.

Ich wurde bereits öfter gefragt, ob es mir nicht schwer falle, das angeblich stark dialektgeprägte Belgisch-Französisch zu verstehen. Für meinen Teil kann ich sagen, dass es zu Beginn immer schwer fällt, die Sprache zu verstehen. Da ging es mir bei Aufenthalten in Frankreich ähnlich wie bei meiner Ankunft in Belgien. Nach einigen Wochen jedoch verstand ich das belgische Französisch relativ problemlos, wohingegen ich das Standardfranzösisch nur schlecht verstand. Was lernen wir daraus? Der dauernde Kontakt mit einer Landessprache verbessert das Verständnis ungemein – welche Dialektfärbung die Sprache dabei hat ist nur zweitrangig.

Die Dreisprachigkeit Belgiens führt zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Im Supermarkt werden Produkte meist in den drei Sprachen beschriftet, Werbeanzeigen im Internet und Fernsehen wechselns sich sprachlich ab und bei der Zugfahrt dauert die Durchsage mehrere Minuten, da sich dann meist zu den drei Sprachen noch Englisch hinzumischt. Kurios ist es außerdem, wenn man eine halbe Stunde im Zug fährt, aussteigt und plötzlich von anders sprechenden Menschen umgeben ist – das ganze aber in ein und demselben Land!

Ich für meinen Teil finde es bewundernswert, dass das Land trotz seiner sprachlichen (und damit einhergehenden) kulturellen Unterschiede zusammenhält. Und das obwohl Politik, Konsensfindung und Präsidentschaftskandidaturen in dieser Konstellation nicht einfacher sind.

Wer sich übrigens nicht zwischen Französisch und Niederländisch entscheiden will, dem sei Brüssel ans Herz gelegt: Dort spricht man Französisch und Niederländisch!

Ankommen, Rumkommen

Ende August war es soweit. Ich machte mich auf in ein mir bis dato noch unbekanntes Land, in der verweifelten Hoffnung, dass mein Schulfranzösisch zum Überleben ausreichen würde. (Lest mehr über die Sprachherausforderungen in meinem nächsten Blogeintrag!) Nachdem ich es irgendwie geschafft hatte, einen ganzen Hausstand in einen Koffer zu packen und der irgendwie gemeinsam mit mir in Liège angekommen war, stand ich also in einer völlig fremden Stadt, von der ich noch nichts wusste, außer dass sie für die nächsten Monate meine Heimat sein würde. Wobei man sagen muss, dass der erste Anblick vielversprechend war: P1030755 Das sah ja richtig urban aus! Die Sonne schien auch noch, nachdem ich Tage zuvor schon gewarnt worden war, dass in Belgien Regen nicht die Ausnahme sondern die Regel sei! Scheinbar hatte ich Ende August eine Gut-Wetter-Periode erwischt, was in den folgenden Monaten der andauernde Regen wieder wett machte. Es hieß nun also, meine Wohnung finden, die ich zuvor bereits von Deutschland aus reserviert hatte. (Hier ist übrigens Vorsicht geboten! Eine Erasmus-Studentin erzählte mir, dass sie von ihr aus eine Wohnung gemietet hatte, die sich dann vor Ort als nicht existent herausstellte, weshalb sie an ihrem ersten Tag in Liège gleich eine Anzeige bei der Polizei erstatten musste.) Solltet ihr planen, in Liège eine Wohnung zu suchen für einen Studienaufenthalt, dann wendet euch am Besten an die Erfahrungsberichten zufolge absolut zuverlässige Sophie Lothe: https://www.ulg.ac.be/cms/c_552808/futur-locataire-d-un-kot. Und keine Sorge, wenn da steht, dass ihr in einem Kot wohnen sollt! Das ist die aus dem niederländischen übernommene Bezeichnung für eine kleine Studentenwohnung, meist im Stil dessen, was man in Deutschland als WG kennt. Man kann meist mit einem Zimmer rechnen, das ein kleines Waschbecken hat und man teilt sich Küche und Bad mit anderen Studenten. Die Preise variieren je nach Viertel (die Wohnungen in Nähe des Kneipenviertels „Le Carré“ sind am teuersten, aber auch am praktischsten, wenn man an der HEC oder dem 20-Août-Gebäude studiert und gerne mal weggeht). Wer dagegen in Sart Tilman studiert (Psychologie, Jura, Ingenieurswesen, Chemie, Physik, Medizin, Tiermedizin, Sportwissenschaft, etc.), dem ist mit einer Wohnung im Viertel Angleur, in der Nähe vom Place General Leman oder im Viertel Guillemin besser geholfen. Der Bustranfer zwischen Stadt und Unicampus Sart Tilman dauert mit der Linie 48 zirka 30 Minuten. Wenn man Pech hat, ist die Linie so überfüllt, dass man ein / zwei Busse vorbeiziehen lassen muss, weil niemand mehr Platz hat. Solltet ihr übrigens am Hauptbahnhof Guillemins ankommen und nach Sart Tilman wollen: Die 48 fährt direkt an der großen Straße vor dem Bahnhof. Auf der rechten Straßenseite geht es nach Sart Tilman, links in das Stadtzentrum (Endhaltestelle Opéra). P1030624 Die Stadt Liège ist meiner Meinung nach nicht wirklich schön, aber durchaus faszinierend. Man findet so viele unterschiedliche Baustile und Epochen. Es wird einfach wild durcheinander gebaut, als gäbe es so etwas wie Nachbarn nicht. Das spiegelt auch etwas die belgische Mentalität wieder: Wir sind wir und müssen uns nicht an euch anpassen! So auch in der Politik wiederzufinden und im Stolz auf Sprache und Kultur. Was absolut schön und sehenswert ist, das ist die Altstadt hinter dem Palace Saint Lambert. Ein Besuch lohnt. Wenn ihr da seid, vergesst nicht, die Treppe von Montagne de Bueren auf die Citadelle hinaufzugehen! Der Sage nach sind das 700 Treppenstufen, in Wahrheit nur 374. Der Ausblick ist gigantisch und die verwinkelten Gässchen und alten Häuser einen Umweg wert! http://www.vues-de-liege.be/v2/fr/index.php?p=61 Anfang Oktober lohnt übrigens auch unbedingt die Nocturne des Coteaux de la Citadelle! Das ist ein Stadtfest im Altstadtviertel mit Musik, Kunst und einem Lichtermeer, unter anderem auf der großen Treppe: http://www.lanocturnedescoteaux.eu/de/la_nocturne_coteaux_liege.php. Macht unbedingt einen Abstecher in die Hinterhöfe und lasst euch von den Musikern und der stimmungsvollen Atmosphäre verzaubern! P1030892

Studium vs. Praktikum

Möglichkeiten, um ins Ausland zu gehen, gibt es unzählige. Neben der Möglichkeit, sich an der eigenen Uni für einen Aufenthalt in einer Gastuniversität zu bewerben (man fragt dazu am besten im internationalen Büro / Austauschdienst der eigenen Uni nach) gibt es auch einige Organisationen, die Studienplätze im Ausland vermitteln. Ein Freund hat mir folgende Organisation empfohlen, die Studienplätze und Praktika vermittelt: http://www.ieconline.de/auslandssemester.html. Daneben gibt es aber noch viele andere: http://www.aiesec.org, http://www.studentsgoabraod.com, http://www.academictravels.de, etc.

Welche Organisation die Beste ist, muss man selbst entscheiden, beziehungsweise sollte man ruhig auf Erfahrungsberichte oder das eigene Bauchgefühl hören. Eine gute Organisation bietet Beratungsgespräche an, hilft bei bürokratischen Dingen wie dem Visum und verlangt den vollen Preis nicht bevor man einen Praktikumsplatz gefunden hat (oft zahlt man eine mehrstellige Vermittlungsgebühr, bekommt dafür aber häufig Sprachkurse oder Kulturvorbereitungskurse geboten).

Ich persönlich habe mich für ein Forschungspraktikum an der Universität Liège entschieden (http://www.ulg.ac.be/cms/c_323017/en/internships-at-ulg). Zwei Fliegen mit einer Klatsche geschlagen, könnte man sagen. Nicht ganz unberechtigt, denn tatsächlich habe ich die Vorteile, dass ich an der Universität trotz Praktikantenstatus als Austauschstudent eingeschrieben bin und deshalb die Möglichkeit habe, einen Französischkurs zu belegen. Außerdem – und das ist gerade bei einem Praktikum sehr wichtig – bin ich über die Universität versichert, sollte mir selbst oder einem Wertgegenstand im Rahmen meines Praktikums etwas passieren. Auf eine gute Versicherung sollte übrigens jeder, der einen Auslandsaufenthalt in Betracht zieht, Wert legen! Nicht umsonst wird man in fast jedem Formular, das man für einen Erasmus-Aufenthalt ausfüllen muss, auf den notwendigen Versicherungsschutz hingewiesen.

Wer jedoch ein Praktikum in einem Lehrstuhl einer Universität plant, sollte darauf achten, dass terminlich das meiste wie im Studium organisiert ist. In Liège geht das Semester Mitte September los und endet im Dezember bevor im Januar die Prüfungen stattfinden. Wer also einen Sprachkurs belegen und den mit einer Prüfung abschließen will, sollte zumindest von Anfang Oktober bis Ende Januar anwesen sein. Zu beachten ist, dass Ende Semptember (rund um den 20ten) der Einstufungstest für die Sprachkurse stattfindet!

Da ich also wie die „normalen“ Austauschstudenten ein ganzes Semester in Liège bin, habe ich die Möglichkeit, Vergleiche zu ziehen. Deshalb hier meine Argumente für und gegen ein Auslandspraktikum anstatt eines Auslandssemesters: Als Praktikantin habe ich feste Arbeitszeiten, 40 Stunden die Woche. Ich bin also von Montag bis Freitag an meiner Praktikumsstelle, arbeite an meiner eigenen Forschungsfrage, teste Versuchspersonen, arbeite mit den französischsprachigen Kollegen zusammen, recherchiere, lese Forschungsartikel, beantworte Anrufe und unterhalte mich mit Doktoranden und Professoren über ihren Werdegang und ihre Forschungsgebiete. Das ist alles sehr spannend, aber natürlich auch etwas anstrengend. Wenn ich morgens das Haus verlasse und meine Mitbewohner noch gemütlich in der Küche beim Frühstück zusammensitzen, dann fällt mir der Unterschied zwischen Student und Praktikant am stärksten auf. Man kann sich seinen Tagesablauf weniger frei einteilen als man es während des Studiums kann. Dennoch ist es angenehm, denn die Wochenenden bleiben frei. Diese kann man für Erkundungstouren durch die Stadt, Treffen mit anderen Austauschstudenten oder Reisen nutzen. Prüfungen stehen bei mir am Ende des Aufenthalts auch nicht an (bis auf die Prüfung für den Sprachkurs natürlich). Ein absoluter Vorteil ist der tägliche Kontakt mit Einheimischen. Man lernt im Büroalltag oder beim gemeinsamen Mittagessen unglaublich viel über die Sprache und die Kultur und entgeht dem typischen Erasmus-Vorwurf: „Ihr lernt dort doch eh nur Englisch und nie die Landessprache!“ Dem ist bei einem Praktikum mit Muttersprachlern nicht so, denn wenn man nicht ohne jeglichen Kontakt und Ahnung in einem fremden Büro rumsitzen will, dann setzt man alles daran, die Sprache möglichst schnell zu lernen!

Dennoch kann man natürlich nicht leugnen, dass ein ganzsemestriges Praktikum nicht in jeden Studienplan zu integrieren ist und oft ein Studium im Ausland sinnvoller und nützlicher ist. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, was einem wichtiger ist: Erfahrung oder Zeitersparnis.

Warum alles begann

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Wie gottseidank viele meiner Altersgenossen hat es auch mich im Rahmen meines Studiums hinausgetrieben aus meinem Alltag, um ein Erasmussemester einzulegen. Mein Alltag, das ist ein Psychologiestudium an einer österreichischen Universität. Ein Erasmussemester ist, für alle, die noch nicht davon gehört haben, ein studienbezogener Aufenthalt im europäischen Ausland, der von der europäischen Union finanziert wird (das neue Programm heißt Erasmus+, bei dem neben Studienaufenthalten auch Praktika im Ausland finanziert werden für bis zu 12 Monate pro Studienzkylus. Nähere Infos: http://ec.europa.eu/programmes/erasmus-plus/index_de.htm). „Gottseidank“ sage ich deshalb, weil ich es als große Bereicherung empfinde für jedes Studium, nicht ausschließlich weil es sich im Lebenslauf gut macht und es die Zahl der internationalen Facebook-Freunde verdoppelt, sondern vorwiegend deshalb, weil es völlig neue Perspektiven eröffnet: Jede neue Bekanntschaft, jeder Umstand, der in dem fremden Land anders ist als im eigenen, jedes Gespräch (sei es im eigenwilligen „Erasmus-Englisch“ oder in der Landessprache) und jede freie Minute, in der man zum Nachdenken kommt, verändern das Denken, verändern die Vorstellungen über die Welt.

Soweit so gut. Diesen schwülstigen Text hat vermutlich schon jeder einmal gehört, der in einer Infoveranstaltung über Auslandsaufenthalte war. Die Zuhörer gehen nicht selten mit glänzenden Augen und voller Abenteuerlust aus der Veranstaltung. „Man könnte ja mal… man sollte doch unbedingt… Schweden im Frühjahr – das wär’s doch!“ Auch mir ging es nicht anders. Ich hatte Blut geleckt und war überzeugt: Ich muss raus in die Welt! In meinem Kopf war der Antrag schon halb ausgefüllt und das Learning Agreement (die Vereinbarung zwischen der eigenen und der Gastuniversität über die zu belegenden Kurse und deren Anrechenbarkeit) schon unterzeichnet. Die Realität sah dann aber erst einmal anders aus: Das Studium ist dicht gedrängt, es gilt Kurse zu bestehen, um ohne Zeitverlust weiterstudieren zu können, ein Privatleben mit Familie, Freundschaft und Liebe gibt es nebenher auch noch und wenn einem das internationale Büro der eigenen Uni den Berg an Formularen kredenzt, bekommt die Motivation einen erheblichen Dämpfer. Dass ich es letztlich doch geschafft habe, lag wohl daran, dass es mir wirklich wichtig war und sicher nicht zuletzt auch an den vielen hilfsbereiten Menschen in diversen Büros meiner Uni, an der Gastuniversität und in meinem privaten Umfeld.

Dieser Blog soll meine Reise nach und durch Belgien festhalten und hoffentlich eine Hilfe sein für jene, die sich (noch nicht) für ein Auslandssemester entschieden haben. Alle „unbedarften“ Leser mögen mir verzeihen, dass ich aus diesem Grund von Zeit zu Zeit Links und nähere Erklärungen über das Erasmusprogramm und anderes anhänge. Es stört möglicherweise den Lesefluss, hilft aber hoffentlich dem ein oder anderen bei der Vorbereitung. Viel Vergnüngen beim Lesen, Schmökern und Entdecken!